25 02 ‘ 2020 museomag
TAGUNG
der Stadt von 1545-1604 ab. Indem er drei Inventa-
re aus den Jahren 1544, 1606 und 1612 vergleichend
analysierte und die Kanonentypen im Waffenlager der
Stadt durchdeklinierte, konnte Reinert die oftmals pa-
radoxe Gleichzeitigkeit der Entwicklungsprozesse der
Artillerie herausstellen und die allgemeinen Ergebnisse
der Forschung am Fallbeispiel Luxemburgs im Beson-
deren bestätigen. Allerdings ermöglicht der Befund
zu präzisieren, dass altertümliche Formulierungen
für Geschütztypen bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts
gültig bleiben. Reinert stellte außerdem fest, dass die
Rundumerneuerung des Geschützparks einer Stadt in
diesem Zeitraum etwa ein Jahrhundert in Anspruch
nahm.
DER SONNENKÖNIG UND
SEINE GLÄNZENDEN EXPERTEN
Sylvie Leluc (Conservatrice du département Artillerie,
Musée de l’Armée, Paris) zeichnete die Entwicklung
der Geschütze des französischen Heeres unter Lud-
wig XIV. nach. Aus dieser Entwicklung griff sie verein-
zelte Aspekte heraus, die bisher im Schatten anderer
Errungenschaften des Sonnenkönigs standen – wie
die Fähigkeiten der Experten, mit denen sich der Kö-
nig umgab. Dessen Kriegssekretär Louvois konnte ein
regelrechtes Programm zur systematischen Verbesse-
rung der Organisation und zur Professionalisierung der
Artillerie bis 1690 durchsetzen. Als weitere Experten in
Schlüsselstellen der Verwaltung nannte Leluc den Her-
zog von Maine – Sohn des Königs und Großmeister der
Artillerie –, und die schweizerischen Gebrüder Keller,
die das kanonische Modell der klassischen französi-
schen Kanone entwarfen und in Massen produzieren
konnten. Die geostrategischen Erwägungen Vaubans
im Hinblick auf die Installation von Geschützgießerei-
en in erst vor kurzem eroberten Festungsstädten wie
Douai im Jahr 1667 und die staatliche Reglementierung
der Kupferindustrie strich Leluc ebenfalls hervor. Der
Erfolg der Artillerie Ludwigs XIV. war der Effizienz seiner
Experten zu verdanken, ein Befund, der an die jüngere
Hof-Forschung anschließt.
Guy Thewes (Direktor der beiden Stadtmuseen, Lux-
emburg) geleitete das Auditorium mit einem sozial-
historischen Vortrag in die erste Hälfte des 18. Jahr-
hunderts. Thewes sezierte ein lokales Ereignis, das als
Pulververschwörung Eingang in die Geschichtsbücher
fand. Den Verschwörungscharakter entlarvte Thewes
zügig, indem er die außerordentliche Mittelmäßig-
keit der angeblichen Verschwörer Marie-Joseph Rix
und ihres Gatten Willem Coenen aufdeckte. Da sich
die Debakel der Pulverexplosionen und französischer
Eroberung tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt
eingebrannt hatten, wurden selbst Gerüchten äußerst
rabiat nachgegangen und die Bevölkerung der Garni-
sonsstadt überwacht. Das Zusammenleben der Stadt-
bürger, Fremden und Soldaten auf engstem Raum in
der Grenzfestungsstadt bot vor dem politischen Hin-
tergrund der Zeit buchstäblich Zündstoff für Misstrau-
en. Schließlich lag Luxemburg in den 1730er Jahren in
unmittelbarer Nähe zur französischen Grenze. Anhand
eines Analogieschlusses zum Kalten Krieg erarbeitete
der Referent die Faktoren der Genese der neuzeitlichen
Verschwörungstheorie um die beiden Trickbetrüger.
Thewes konterkarierte sie mit zwei wahrhaftigen Agen-
ten, dem Veteranen Robert Damour und dem Leutnant
Claude Joseph.
Bruno Colson (Professeur d’Histoire à la Faculté de
Droit, Université de Namur) schloss das Tagungspro-
gramm mit einem Beitrag über die österreichische
Artillerie im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) ab. Den
ersten Teil des Vortrags widmete er den durchschla-
genden Verbesserungsmaßnahmen des kaiserlichen
Feldmarschalls Joseph Wenzel von Liechtenstein. Die
Artillerie der Niederlande war allerdings seit der Zeit
der Spanier relativ unabhängig vom Heer der Zentral-
macht gewesen und verfügte auch in österreichischer
Zeit über ein eigenes Ausbildungslager nahe Meche-
len. Aus der niederländischen Artillerie gingen lokale