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Empreintes
2011
die nach dem Krieg an Luxemburg restituierte Caritas von
Lucas Cranach, die sich zum Zeitpunkt der Korrespondenz
offenbar bereits seit einiger Zeit im Besitz von Reiffers befand.
Der Brief belegt zudem, dass beide einander schon vor 1935
begegnet waren und sich ihre Familien persönlich kannten.
Diese Beobachtungen stützen die Annahme, dass die von
Wilhelm Suida erstellten Gutachten von Reiffers selbst in
Auftrag gegeben worden sind und somit einen terminus ante
quem für seinen Erwerb der jeweiligen Bilder bieten. Für den
Cranach ist durch den Brief Suidas der Ankauf durch Reif-
fers vor April 1935 zweifelsfrei belegt.
Den wichtigsten Hinweis liefern jedoch die Inventarkarten
der ins Nationalmuseum gelangten Bilder. Sie belegen ein-
deutig, dass der Notar die Gemälde für das Jahr 1936 bei der
luxemburgischen Versicherungsgesellschaft La Luxembour-
geoise versichert hatte. Auf den Karteikarten ist von gleicher
Hand für fast alle in der Besatzungszeit angekauften und für
alle fünf 1946 restituierten Bilder die Versicherungssumme in
luxemburgischen Franken vermerkt, jeweils mit dem Zusatz
„La Luxembourgeoise 1936“28. Da die Eintragungen in fran-
zösischer Sprache verfasst sind, wurden sie sicher erst nach
Ende der Besatzungszeit gemacht, sehr wahrscheinlich Ende
1945 oder Anfang 1946. Offenbar hat Reiffers im Zusam-
menhang der Gespräche, die damals mit ihm geführt wor-
den sind, dem Museum nicht nur Photos seiner ehemaligen
Sammlung, sondern auch eine Liste der Versicherungswerte
für das Jahr 1936 zur Verfügung gestellt.
Im Übrigen macht die wirtschaftliche Lage des Sammlers
einen Ankauf von Kunstwerken nach 1935 ohnehin eher un-
wahrscheinlich. Er gehörte zu einer Gruppe von luxemburgi-
schen Notaren, die in den
1920er
und frühen
1930er
Jahren in
bedeutendem Umfang Bankgeschäfte getätigt hatten, infolge
der Wirtschaftskrise ab 1933 aber in große, teilweise existen-
tiell bedrohliche finanzielle Schwierigkeiten gerieten.
Die luxemburgische Regierung musste ab 1934 wiederholt
energische Maßnahmen ergreifen, um unkontrollierte Kon-
kurse dieser Notare zu verhindern, welche zahlreiche Sparer
mit in den Ruin gezogen hätten. So wurde bereits 1934 “con-
sidérant qu'il est indiqué de prendre des mesures pour la protection de
l'épargne confiée au Notariat“ eine gemeinsame Kasse des Nota-
riats eingerichtet, über die fortan die Geldoperationen der be-
troffenen Amtsstuben laufen mussten. Im Jahr 1938 wurde so-
gar eine Abteilung für die Sanierung des Notariats beim Staatlichen
Wohnungsbauamt mit weitgehenden Vollmachten eingerichtet.
Abb. 7 Photogutachten W. Vogelsang 9.11.1932 zu François Clouet, Porträt
Karls IX (Tab. 3, Nr. 35).
Abb. 8 Nachfolge J.-B. Greuze, Frauenkopf (1944-22/16).
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Mit Ausnahme der Martino di Bartolomeo (1942-74/15), Tiepolo (1944-22/8)
und Molenaer (1944-22/21) zugeschriebenen Bilder.