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Bauphasen zugeordnet werden. Demnach gehören die
ältesten Mauern zu einer kleinen römischen villa rustica, die
in ihrer Spätphase eine offene Portikusarchitektur besessen
haben könnte. Mehrere Pfostensetzungen machen dabei
ein hölzernes Vorgängergebäude wahrscheinlich, dessen
Grundriss jedoch nicht rekonstruierbar scheint. Die Funde
umfassen eine Zeitspanne von um Christi Geburt bis in das
3. Jahrhundert nach Christus.
- Das Fehlen merowingerzeitlicher Keramik zeigt einen Hia-
tus zur römischen Besiedlung an, so dass die von der histo-
rischen Siedlungsnamenforschung angenommene Kontinu-
ität Givenichs archäologisch nicht eindeutig nachgewiesen
werden konnte. Es ist daher durchaus fraglich, ob das römi-
sche Gebäude (zumindest Raum 3) zum Zeitpunkt der An-
lage des Friedhofs noch Bestand genug hatte, um als christ-
licher Kultbau genutzt werden zu können. Die Ausrichtung
der Gräber und ihr Fehlen in Raum 3 weisen jedoch darauf
hin, dass das römische Gebäude in mittelalterlicher Zeit
zumindest noch bekannt war und als Grundstock für ein
neues Gebäude gedient hat.
- So konnte schlussendlich wahrscheinlich gemacht werden,
dass es sich bei dem auf der Ferrariskarte verzeichneten
Gebäude im Grenzbereich zwischen altem Herrensitz und
„neuem“ Braunshof ursprünglich um jene Kirche gehandelt
hat, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Güterverzeich-
nis der Abtei St. Maximin auftaucht und zu der eine Sied-
lung Givenich gehörte. Funde und Befunde deuten dabei
auf eine noch frühere Entstehung der Kirche hin. Während
der Friedhof sicherlich schon vor dem 15. Jahrhundert zu-
sammen mit der Siedlung und dem Herrensitz aufgelassen
wurde, könnte der Fund des Weihwasserbeckens dafür spre-
chen, dass das jüngste Gebäude noch bis in das 18. Jahrhun-
dert hinein in vielleicht reduzierter Form, d.h. als Kapelle
genutzt wurde. Es liegt durchaus nahe, hierin jene dem Hei-
ligen Klemens geweihte Kapelle zu sehen, welche 1628 im
Visitationsbericht erwähnt wird (Staud/Reuter 1953, 335).
Gänzlich unerforscht blieb bislang der Bereich des Herren-
sitzes, der allerdings für die Geschichtsschreibung, d. h. die
Interpretation der Funde und Befunde Givenichs, durchaus
von Bedeutung ist. Fragen nach dem möglichen Beginn ei-
nes Herrensitzes, seiner Gestaltung und dessen Beziehung zu
Siedlung und Kirche, sind wohl nur durch weitere archäolo-
gische Ausgrabungen im Bereich der heutigen Domäne zu
beantworten. Angebracht wären auch eine Neusichtung der
historischen Dokumente und Archive sowie eine bauhisto-
rische Erforschung der noch bestehenden Gebäude im Be-
reich der ehemaligen Wasserburg und ihrer Vorburg.
Eine umfassende Analyse der heutigen Domäne würde si-
cherlich viel zum besseren Verständnis der Frage beitragen,
wie die Funde aus dem Garten mit dem Herrensitz in Rela-
tion stehen. Es bleibt zu hoffen, dass die moderne intensive
Nutzung der Domäne nicht schon alle archäologischen Spu-
ren im Erdreich zerstört hat oder in Zukunft unbedacht zer-
stören wird.<
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