Die Ausstellung The Family of Man, die im Museum of
Modern Art in New York zusammengestellt und zuerst
gezeigt wurde, und die jetzt (1955) durch die ganze Welt
reist, ist, glaube ich, die anspruchvollste und die anregendste
Schau, die je auf dem Gebiet der Photographie veranstaltet
wurde.
Sie beweist, daß die photographische Kunst ein dynamisches
Mittel ist, Ideen eine Form zu geben und den Menschen
dem Menschen verständlich zu machen. Sie wurde gedacht
als Spiegel der universalen Elemente und der Gefühle, die
zum alltäglichen Leben gehören — als Spiegel der grund-
sätzlichen Einheit der Menschheit auf der ganzen Erde.
Wir suchten und wählten Photos aus, die in allen Teilen der
Welt gemacht wurden, und die alle Stufen des Lebens, von
der Geburt bis zum Tode, zeigen. Die Betonung sollte darauf
liegen, wie der Mensch sich im Alltag verhält zu sich selbst,
zu seiner Familie, zu der Gemeinschaft und der Welt, in
der er lebt. Die Themen führen also vom Baby zu den
Philosophen, vom Kindergarten zur Universität, von den
primitiven Völkern zu den Sitzungen der UNO. Verliebte,
Hochzeiten, Frauen, die gebären, Familien-Einheiten mit
ihren Freuden, ihren Prüfungen und Leiden, ihren Zeichen
der Hingebung und ihren Gegensätzen; das Heim mit all
seiner Wärme und seiner Pracht, seinen Schmerzen und
seinen Begeisterungen; das Individuum und die Familie in
ihren Reaktionen beim Beginn des Lebens und bei seinem
Ablauf bis zum Tod und zum Begräbnis; der Mensch im
Verhältnis zu seiner Umgebung, zu der Schönheit und dem
Reichtum der Erde, die er geerbt hat, aber auch das, was er
aus dieser Erbschaft gemacht hat, die guten und die großen
Dinge, die stumpfsinnigen und die zerstörerischen — all das
kommt in diesen Photos zum Ausdruck.
Im übrigen haben sie mehr mit Religiosität als mit
Religion zu tun, mehr mit fundamental menschlichem als
mit sozialem Gewissen. Sie befassen sich mit den Träumen
des Menschen und mit seinem Streben, mit den schöpfe-
rischen Kräften der Liebe und des Vertrauens, sowie mit
der zersetzenden Macht des Bösen, das in der Lüge liegt.
Fast drei Jahre haben wir darauf verwendet, diese Bilder
zusammenzubringen. Über zwei Millionen Photos aus allen
Winkeln der Erde sind uns zugesandt worden — von Ein-
zelnen, von privaten und offiziellen Sammlungen. Zehn-
tausend haben wir ausgesondert. Dann kam die fast unlös-
bare Aufgabe, uns auf 503 Photographien aus 68 Ländern
zu beschränken. Ihre Urheber — 273 Männer und Frauen —
sind Amateur- oder Berufsphotographen, berühmte Leute
oder Unbekannte.