26 MuseoMag N°III 2023 Die Stickkunst war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil der Ausbildung junger Frauen, auch in Luxemburg. es mit geometrischen Motiven verziert. Die Initialen oder sogar der ganze Name der Stickerin sowie das Entstehungsjahr sind ebenfalls ein üblicher Bestandteil einer solchen Arbeit. Diese Angaben ermöglichen es uns, die Stickerinnen ausfindig zu machen und eventuell mehr über sie zu erfahren. ALPHABET-TÜCHER: AUFFÄLLIG ROT Besonders die frühen Alphabet-Tücher sind in der Regel mit einem auffälligen roten Faden bestickt. Rotes Garn wurde seit Jahrhunderten zur Kennzeich- nung von Leinen genutzt. Die Beispiele aus unserer Sammlung zeigen jedoch, dass die Farbe des Stickgarns in der Mitte des 20. Jahrhunderts tenden- ziell bunter wurde. In Luxemburg wurden Mustertücher ab dem 4. Schuljahr angefertigt und sind oft weit mehr als nur Übungsstücke oder objektive, unpersönliche Doku- mente der schulischen Erziehung junger Mädchen. Eingerahmte Mustertücher schmücken noch heute viele Wände, denn sie sind, anders als man an- nehmen könnte, nicht nur Zeugnisse der schulischen Erziehung und des Erwachsenwerdens. Wer etwas bestickt, gibt diesem Objekt eine Bedeutung, ver- leiht ihm eine persönliche Note und würdigt es mit Wertschätzung. Die Stickmuster zeugen von der Kreativität, der Individualität und den vielseiti- gen Interessen der Heranwachsenden. Aus diesem Grund sind die Stoffe mit unterschiedlichsten Motiven bestickt, zum Beispiel Züge, Vögel, Blumen, usw. Es ist letztlich auch die Wahl der Motive, die uns viel über die jungen Stickerinnen verrät, die ihre Begeisterung für die verschiedensten Dinge in stundenlanger Arbeit verewigt haben. MUSTERTÜCHER: GESTICKTE ARCHIVALIEN © éric chenal