23 N°III 2023 MuseoMag nehmen scheint. Das Bild vermittelt einen Eindruck von ungewöhnlichem Realismus, eine Kombination aus Genrebild und Porträt. Handelt es sich hier aber wirklich um ein Familienporträt, wie der Titel vermuten lässt? Um den Geheimnissen des Gemäldes auf die Spur zu kommen, analysierte unsere Abteilung für bildende Kunst die Angaben des Auktionshauses und tauschten sich mit Kolleg/innen in Frankreich aus, um weitere Informationen zum Künstler und zu seinem Werk zu sammeln. RAPHAËL SAVOYARD Jean Marie Henry Bonier kam am 5. Juni 1817 in Clermont zur Welt. Mit 13 oder 14 Jahren konnte er seinen Vater davon überzeugen, ihn nach Annecy zu schicken wo er beim Künstler Prosper Dunant in die Lehre ging. Später schrieb er sich in der Akademie von Turin ein. Dort erhielt er von seinen Meistern und Kameraden den Spitznamen „Raphaël Savoyard“. Mit seinem Aussehen und seinem Verhalten ähnelte Bonier nämlich dem bekannten italienischen Renaissancekünstler Raffael. Nach drei Jahren verließ Jean Bonier die Akademie und ließ sich in Paris nieder. Dort war er Schüler des Künstlers Paul Delaroch, dessen Einfluss in Boniers Kunst sehr deutlich hervorgeht. Typischerweise wirken die Figuren in seinen Arbeiten äußerst realistisch. Der Maler konnte sich nicht an das Leben in der französischen Großstadt gewöhnen und kehrte 1845 zurück zu seiner Familie in Frangy. Am 10. März 1875 verstarb Jean Bonier im Alter von 58 Jahren in Annecy. EIN GEHEIMNISVOLLES PORTRÄT Boniers Werk Familienporträt des Künstlers stammt aus den späteren Jahren seines Lebens, schätzungsweise zwischen 1860 und 1870. Die erste Vermutung unserer Kunsthistoriker/innen war, dass der Maler hier seine Eltern und seine Frau bzw. Schwester dargestellt hat. Um Näheres zu erfahren hat sich unsere Abteilung für bildende Kunst an das Museum in Annecy gewandt, dessen Sammlung, nach Angaben des Auktionshauses, ebenfalls zwei Werke von Jean Bonier beinhaltet. Dabei hat es sich herausgestellt, dass das Museum ein Familienporträt aus dem Jahre 1860 besitzt, welches unserem verblüffend ähnlich ist. Ein ähnliches Werk befindet sich in der Sammlung des Museums in Annecy. ERWERBUNG Wenn man sich das Bild aus Annecy genauer anschaut, scheint es sich um dieselben Personen zu handeln. Wie in unserem Werk blicken sie direkt in Richtung der Betrachter/innen. Wodurch die Figuren sich jedoch unterscheiden, ist dass sie wie Puppen in einem leeren Raum platziert sind. Das Bild wirkt somit weniger wie eine Momentaufnahme. Den Unterlagen des Gemäldes von Annecy zufolge handelt es sich bei den dargestellten Personen um den Künstler selbst, seine Frau und seine Mutter. Jedoch wirft diese Interpretation einige Fragen auf, wenn man bedenkt, dass der Künstler beim Malen des Werkes 43 Jahre alt war und der Mann im Bild deutlich älter wirkt. Nach einem regem Austausch mit der Abteilungs- leiterin des Museums und dem Stadtarchiv in Annecy haben unsere Kunsthistoriker/innen verschiedene Theorien zur Identifizierung der porträtierten Personen entwickelt – eine wahre Detektivarbeit, über die Lara Schaeffer demnächst in unserem Online-Magazin, dem MuseoBlog, berichten wird. In der tiefgehenden Analyse des Werkes Familienporträt des Künstlers werden zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten durchgespielt und spannende Schlussfolgerungen gezogen – exklusiv online. Katja Taylor