16 Wenn im Frühjahr 2015 die Ausstellung der ehemaligen Adels- und Bürgerhäuser in der Wiltheimstraße abgeschlos- sen sein wird, eröffnet im Erdgeschoss und in der ersten Eta- ge des sogenannten Wiltheim-Flügels des Nationalmuseums für Geschichte und Kunst (MNHA) die Dauerausstellung der Abteilung Kunsthandwerk und Volkskunst mit einem neuen Konzept.1 So erhalten ausgewählte Stücke aus der früheren Präsentation einen anderen Kontext oder werden durch die moderne Museografie besser zur Geltung gebracht. Ziel war es jedoch auch, aus dem bislang nicht ausgestellten, sehr reichen Bestand des Museums Objekte auszuwählen und auf diese Art neue Themenkomplexe zu erschließen. Darüber hinaus konnte das Museum gezielt Ankäufe für die neue Dauerausstellung tätigen, darunter zwei Luxemburger Silberarbeiten aus dem 18. Jahrhundert. Das Museum hatte bereits 2011 einen Becher (MNHA 2011- 057/001) von Jean Louis Fauconnier (1695-1725) erwerben können.2 Anfang dieses Jahres wurde im Kunsthandel eine Teedose des Luxemburger Goldschmieds Johann Michael Kutzer (um 1700-1766) angeboten, der 1729 die Witwe Fauconniers geheiratet und dessen Werkstattnachfolge ange- treten hatte. Das Museum ließ sich auch diese Gelegenheit nicht entgehen (MNHA 2014-212/001, Abb. 1). Beide Arbei- ten werden in dem neu konzipierten Rundgang der Abteilung Kunsthandwerk und Volkskunst erstmals gezeigt. Fauconnier stammte aus Longwy und war ein künstlerisch wie handwerklich hochbegabter Goldschmied, der in Lu- xemburg den französischen Régencestil vertrat. Auch das Formenrepertoire der großen Goldschmiedezentren in den südlichen Niederlanden kannte und beherrschte er. Sein aus Bayern stammender Nachfolger Kutzer übernahm die- se Stilelemente und verband sie mit Formen des Augsburger Barock. Die Teedose im Régencestil datiert vermutlich in die ersten Jahre nach der Übernahme der Werkstatt Fauconniers. Mit einer Gesamthöhe von 14,6 cm gehört sie zu den größeren Exemplaren. Sie hat einen flachen Boden mit einer ovalen Grundform. Die Wandung ist mit geraden Faltenzügen un- terteilt, so dass sich konkav und konvex gewölbte Flächen abwechseln. Deren Schwung wird von den Gesimsbändern im Standring und in der Abschlusskante des Gefäßes aufge- nommen, um ihn dann auf das abnehmbare Schulterstück zu übertragen. Auch der kleine obere, ebenfalls abnehmbare Ab- schluss mit gegossenem Knauf weist den gleichen Grundriss auf. Im Aufbau entspricht die Teedose weitgehend anderen Beispielen ihrer Zeit. Ungewöhnlich ist jedoch der doppelt zu öffnende Deckel. In der Regel lässt sich bei den Teedosen dieser Zeit lediglich der kleine obere Deckel abnehmen. Die- se relativ kleine Öffnung ermöglichte es, den Tee genau zu dosieren. Allerdings ließ sich eine solche Dose nur mühsam befüllen und reinigen. Bei einigen Dosen mit rechteckigem Grundriss sind die Böden herausziehbar. Aufgrund der kom- plexen Grundrissform hatte Kutzer diese Möglichkeit jedoch nicht. Vermutlich um das Befüllen dennoch zu erleichtern, gestaltete er das Schulterstück der Teedose als großen ab- nehmbaren, zusätzlichen Deckel (Abb. 2).3 Eine weitere Besonderheit dieses Stückes ist die Ziselierung im Régencestil, die sich über die obere Hälfte des eigentli- chen Behälters zieht und ihre Entsprechung auf der Schulter der Teedose findet. Es handelt sich hierbei um eine Technik, bei der das Metall über einer weichen Unterlage mit Hammer und Punzen getrieben oder gedrückt wird. So ließ Kutzer ein reliefplastisches Régenceornament entstehen, das zwischen polierten Oberflächen und punziertem Grund abwechselt. Man erkennt ein Bandelwerk, das in stilisierte florale Motive übergeht. Eine silberne Dose für Tee Die Neuerwerbung einer Luxemburger Goldschmiedearbeit aus dem 18. Jahrhundert für die Abteilung Kunsthandwerk und Volkskunst Ulrike Degen 1 MOUSSET Jean-Luc: Time for a change, in: Empreintes. Annuaire du Musée national d’histoire et d’art 4/2011, S. 80-84 ; vgl. auch den Artikel „Comment être de son temps ?“ von Jean-Luc Mousset in dieser Ausgabe. 2 MOUSSET Jean-Luc: Une politique d’accroissement des collections au ser- vice du patrimoine de la mémoire, in: Empreintes. Annuaire du Musée national d’histoire et d’art 4/2011, S. 76-79, hier S. 76-77. 3 Für diese vergleichenden Hinweise danke ich Frau Dr. Eva Toepfer.