128 Gezielte Gründungen gerade durch die Luxemburger sind zu erkennen. Der Kampf um Absatzmärkte begann bei harter europaweiter Konkurrenz das europäische Marktgeschehen zu diktieren. Die Erfolge der großen Handelsmessen – Ams- terdam, Lyon, Genf oder Frankfurt – waren Gradmesser da- für. Karls IV. Reiche sollten am Gewinn partizipieren. Der „König der Römer“ mußte zur Kaiserkrönung in die Ewige Stadt, die Aurea Roma, ziehen. Nicht jeder begrüßte die Absicht. Der ritterlich denkende Jean de Bel etwa hielt die Durchführung der Fahrt über Berg für unrühmlich und erkannte in ihr Karls einzigen Fehler. Dort, am Tiber, regierte – von Papst und Kurie verlassen – in der Tat friedloses Chaos „voll Zuchtlosigkeit, voll Bosheit, ohne Recht, ohne Zügel“. Die großen Geschlechter der Stadt, die Colonna, Orsini, Caetani und wie sie alle hießen, befehdeten sich gegensei- tig ; einen Kaiser aus Deutschland wünschte niemand herbei. Die Segnungen der stadtrömischen Revolution, die sich mit Rienzos Namen verband, waren kaum mehr zu spüren, die Folgen ihres Scheiterns nicht überwunden. Nur wenige Stim- men drängten wie Petrarca zum Romzug, zur segensreich erneuernden Friedensstiftung durch den König. Der Dich- ter, trunken von der Antikenfeier, von der Hoffnung auf ein neues Zeitalter, das nach dem Jahrtausend der Finsternis den reinen Glanz früherer Zeiten wiederbringen werde, Petrarca beschwor die Größe der römischen Cäsaren ; Karl solle in ihre Folge treten (1351). Der aber wich aus ; er hatte es mit seinem Kommen nicht eilig ; das Geschick seines Großvaters mochte da warnen. Seine Antwort an den Prediger der Auf- erstehung Roms formulierte jener in Prag in Ehren, doch ge- fangen gehaltene einstige „Tribun der Freiheit, des Friedens, der Gerechtigkeit“, jener „dritte Brutus“, wie der Briefemp- fänger ihn einst gefeiert hatte, eben Cola di Rienzo : „Die al- ten Zeiten, die du (Freund) in Erinnerung rufst, kannten die widrigen Verhältnisse der Gegenwart nicht“. Der Leitstern der Liebe hingegen, Karls „höchste der Tugenden“, möchte alles Widrige hinter sich wissen. Ein Kaisertum zur Unzeit brächte nur Krieg. So vertröstete der König den Bittsteller, „damit nichts dem Caesar Unwürdiges uns entschlüpfe“. Erst vier Jahre später entschloß er sich zum Zug in die ewige Stadt, zur Kaiserkrönung bloß, zu einem flüchtigen Pilger- gang durch ihre Hauptkirchen – der Kalender zeigte Grün- donnerstag und Karfreitag –, nicht um der Stadt und dem Land Ordnung, Frieden oder Freiheit zu bringen, oder die papstlose Urbs wieder dem Reich zu unterwerfen, schon gar nicht, um den Nachfolger Petri aus dem Exil in Avignon zu- rück in die Apostelstadt zu führen. Damals etablierten die Visconti ihre Herrschaft in Mailand ; und wahrer Signore, der herrschte und dem das Volk gehorchte, durfte sich der König Italiens und der Kaiser der Römer in keiner einzigen Stadt Italiens mehr dünken. Karl wußte es. Petrarca aber machte in bitteren Worten, die später die protestantische Ge- schichtsschreibung bereitwillig aufgriff, seiner Enttäuschung Luft : „Du trägst“, so hielt er Karl vor, „den leeren Namen des Kaisertums. Man wird dich Kaiser der Römer heißen, und du bleibst doch bloß ein König Böhmens“. Doch Karl sah weiter und hatte anderes im Sinn als der Pro- tagonist antiker Erneuerung. Schon im Jahr 1349 hatte der letzte Dauphin, seine Grafschaft Vienne, den Dauphiné, die zum Arelat gehörte, gegen eine hohe Abfindung dem da- mals zehnjährigen französischen Thronfolger Karl übertra- gen. Dieser Karl war der Neffe des Kaisers, Sohn von dessen Schwester Guta oder Bonne, der Stammutter übrigens aller Könige Frankreichs und Thronfolger bis heute. Er leistete ihm zwar in der Tat dafür 1356 den Lehnseid ; doch es war, wie der Kaiser geahnt haben dürfte, ein flüchtiger Erfolg. Die westlichsten Reichslehen drifteten immer weiter nach Frankreich. Karl gab sich keinen Illusionen hin. Jener Neffe, erwachsen und selbst König geworden, übertrug seinerseits seinem Thronfolger den Dauphiné ; und seitdem war „Dau- phin“ der Titel aller französischen Kronprinzen und ein springender Delphin neben den drei Lilien sein Wappen. Der Kaiser belehnte später (1378) sogar den neuen Dauphin, den künftigen Karl VI. von Frankreich, mit dem Reichsvikariat über das Arelat und verzichtete damit auf die faktische Herr- schaft über dasselbe. Dieser letzte Akt geschah in Paris, wo- hin der gichtkranke Kaiser gegen Ende seines Lebens gereist war. Derselbe habe, so trauerte der einstige päpstliche Notar in Avignon, Dietrich von Niem, dem Verlorenen nach, das Königreich Arles um den Preis eines Gastmahls verschleu- dert. Indes, dieser Kaiser war kein Schlemmer ; Dietrich war schlecht informiert. Karl gab Positionen preis, die nicht zu halten waren. Im Osten aber winkten Chancen, die ihn jeden Einsatz zu lohnen dünkten. Sein königlicher Neffe konnte da- bei behilflich sein. Und er, Karl V., bestätigte in der Tat, daß der Kaiser die polnische Frage in Paris zur Sprache brachte. Sein diesbezüglicher Brief war an Ludwig adressiert, den letz- ten Anjou auf Ungarns Thron und zugleich König von Polen. Derselbe war betagt und besaß bislang keinen männlichen Er- ben, nur drei Töchter, deren älteste, Katharina, mit Karls von Frankreich jüngerem Sohn Ludwig verlobt war, deren zweite, Maria, des Kaisers jüngeren Sohn, den damals zehnjährigen Sigismund, ehelichen sollte. Hoffte der Kaiser, der familiäre Motive als Grund seiner Reise an den französischen Hof gel- tend gemacht haben soll, den Neffen bewegen zu können, Ludwigs von Ungarn zu erwartendes Erbe zu teilen : Polen für Sigismund, der noch im selben Jahr mit der Mark Bran- denburg belehnt wurde, Ungarn für den Valois ? War dem so,